Gerhard Marquard - Maler, Dozent für Malerei & Kunstbetrachtung

Tagesbilder, ein Tagebuch in Bildern.

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  Tagesbilder,
was ist das?

Zu jedem Tag ein gemaltes Bild.
365 Reflexionen, eine zu jedem einzelnen Tag.

Die Themen zu den Bildern finde ich in meinem persönlichen Umfeld, auf meinen „Streifzügen“ oder im Tagesgeschehen.

Die Landschaft auf dem Weg zum Malkurs, eine Situation im Laden beim Einkaufen, Obst, das ich gerne esse, eine Pusteblume oder eine einfache Schachtel. Dann natürlich die Dinge, die in der Welt vor sich gehen. Die Affäre Strauß-Kahn, die EHEC-Seuche-Krise-oder-was-immer, ein Vulkanausbruch oder der letzte Start des Space-Shuttle Atlantis am Freitag, 08. Juli 2011.
Ich notiere, male, was mir wichtig ist, gefällt oder auffällt.
Tagesbilder sind eine Art gemaltes Tagebuch.

Das Tagesbild ist für mich, wie eine Verabredung.
Jeden Tag treffe ich mich mit meiner Kreativität und meiner Durchhaltekraft und male mein Bild.
Ich arbeite an etwas und weiß nicht wo es mich hinführen wird.

Zum Jahresende habe ich dann 365 Bilder gemalt. Alle Bilder haben das gleiche Format und die gleiche Rahmung.
Die Bilder zum Zeitgeschehen male ich unter anderem, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was alles in einem Jahr los war.

Sieht der Betrachter die Bilder eines Monats, soll er auch ohne Datumsangaben, alleine schon am Inhalt einiger Bilder erkennen können, aus welchem Zeitraum sie stammen müssten.

Die Tagesbilder sind ein mir wichtiges Bindeglied zwischen meinem Leben und meinem künstlerischen Schaffen.


Dr. Karin Lau:
Tagesbilder von Gerhard Marquard

Das Schreiben eines Tagebuchs kennt fast jeder von uns aus Kindheits- und Jugendtagen als Möglichkeit, die vielen auf uns einstürmenden widersprüchlichen Gefühle und Gedanken auf Papier zu bringen und dadurch eine Erleichterung und Entlastung zu erfahren. Auch eine gewisse Ordnung in das Chaos zu bringen war der Zweck. Letztendlich konnte man durch das Wiederlesen des Geschriebenen im günstigsten Fall eine Erkenntnis gewinnen und diese für sich nutzen. Dies hat neurobiologische Grundlagen. Durch das Schreiben eines Textes- mit Hand und Schreibgerät wohlgemerkt-wird im Gehirn eine bleibendere „Spur“gelegt als wenn man ihn nur liest. Früher wurden Texte abgeschrieben, heute werden sie kopiert, mit dem Ergebnis, dass sich deren Inhalte weit weniger dauerhaft in unserem Gedächtnis festsetzen und sich auch leichter wieder verflüchtigen.

Um wieviel intensiver muss diese „Spur“ sein, wenn man sie malt. Wenn man jeden Tag das, was am meisten beschäftigt, malerisch auf  den Malgrund bringt. Malen ist ja ein noch komplexerer Vorgang als Schreiben, da mehr Instrumente des Aus-druckes zur Verfügung stehen, Farben und Format, Technik und Pinselführung, Stilrichtung und Konzept.

Gerhard Marquard hat nun sein persönliches „malerisches Tagebuch“ ins Netz gestellt. Die TAGESBILDER. Sie sind Ausdruck von Beobachtungen, spontaner oder gereifter Gedanken zu persönlich Erlebtem, zum (auch politischen) Tagesgeschehen.  Die Fülle und Vielfältigkeit, die durch dieses tägliche Malen und Fertigstellen entsteht, ist enorm. So sehen wir Bilder von alltäglichen Dingen, die in ihrer Einfachheit sehr poetisch und sich selbst genug sind, und deren Schönheit und Anmut uns sonst vielleicht entgangen wären, wie z.B. die Pusteblume. Die Betrachtung ist also eine Art von Achtsamkeitsübung, die heutzutage als Zugangsmöglichkeit zum Glücklichsein empfohlen wird, ohne Ablenkung der Gedanken, ganz bei sich. Insofern haben die Bilder -wenn man so will - einen therapeutischen Effekt für den Betrachter. Kann Kunst damit besser sein?

Andere Werke sind in ihrer Intention höchst akut bzw. aktuell. Man spürt eine Ernsthaftigkeit im Drang sich auseinanderzusetzen mit dem, was unmittelbar berührt. Diese Bilder trösten uns nicht, hindern sie uns doch daran, sie schnell zu vergessen, wie wir es von medialen Massenprodukten gewohnt sind. Man glaubt hinter den TAGESBILDERn eine Sorge um die Schnelllebigkeit unserer heutigen Zeit und eine neue Langsamkeit zu entdecken. Stellt sich der Künstler die Frage, wie wir die Zeit, wenn schon nicht anhalten, so doch ihr Tempo etwas entschleunigen können, damit sie uns nicht zwischen den Fingern zerrinnt?  Es sind die Wünsche vieler Menschen. Menschen, die sich der medialen Sintflut, dem Massenandrang an Information nicht mehr gewachsen fühlen, an ihrer ungefilterten Vielfalt kranken.

Lucien Freud hat einmal gesagt, es sei die Aufgabe des Künstlers Unbehagen zu erzeugen. Die TAGESBILDER von Gerhard Marquard tun dies nur in dem Maße, mit dem sie sich mit den  zum Teil unerfreulichen Tagesgeschehnissen auseinander-setzen. Er tut dies nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern wir erfahren seine emotionale Betroffenheit in einer manchmal ironischen Kommentierung oder der Demonstration von Trostlosigkeit und Einsamkeit.

Diese Form des künstlerischen Arbeitens sagt viel über den aus, der sie verrichtet. Und der auch bei vielen von uns den Eindruck des lockeren Künstlerlebens korrigieren sollte. Täglich diesen Spagat zu meistern, offen für den kreativen Affekt zu sein, politisch bewegt und aufmerksam zu bleiben und gleichzeitig diszipliniert, dies in einem sich selbst vorgegebenen Rhythmus und  Format auszudrücken.

Dieser Prozeß verändert nicht nur den Künstler, auch der Betrachter wird im Laufe des Jahres eine Veränderung an sich und den Bildern  erkennen. Indem man ihn täglich ein Stück begleitet, lernt man den Künstler Marquard besser kennen und man kommt ihm vielleicht sogar ein wenig näher.

 

   
                 
     
Tagesbilder, was ist das?